(..) Das ganze Leben ist doch ein Bahnhof.. Immer muss man sich entscheiden, in welchen Zug man einsteigen will und erst wenn man drin sitzt wird einem bewusst, ob es der richtige zug war oder nicht.. Man hat zwar den Abfahrtsplan, aber niemanden, der einem sagt, wo man einsteigen muss.. Und auch wenn man einige Züge abwartet und nicht einsteigt,.. muss man irgendwann doch.. die leute die drinsitzen oder zu/aussteigen, kann man sich nicht aussuchen..auch wenn man manchmal ach zu gerne würde.. und plötzlich sagt der lokführer dann "dieser zug endet hier. wir bitten alle fahrgäste auszusteigen" und wieder steht man vor den gleichen entscheidungen.. ich glaube, manchmal muss man einfach verschiedene richtungen nehmen.. mal ICE mal RE.. mal erste..,mal zweite klasse.. vielleicht findet man irgendwann den richtigen zug.. und steigt nicht, eine Station weiter als der Anfangsbahnhof wieder aus, weil man unsicher ist oder lässt den Zug von vorneherein losfahren und guckt nur hinterher..manchmal muss man einfach eisteigen..glaub ich (..)

 

 

Das alte Märchen vom großen Sturm

„Ich würde alles zu tun, um glücklich zu sein“, sagte der Junge mit entschlossener Stimme, während seine Sandalen gegen die moosbewachsene, brüchige Mauer baumelten, aus der der Käfer herausgekrabbelt war. „Alles!“, wiederholte der Käfer ausdruckslos. Weder war es Frage noch Bestätigung, nicht mehr als ein Geräusch. Wie das leise Schanrren und Flirren, das erklang, wenn er seinen Panzer hob, um seine zarten Flügel zu lüften. Er hatte dem Jungen die Geschichte von scih und der Libelle erzählt, SEINE Geschichte, die alles davor bedeutungslos machen und mit der jedes „danach“ für immer verbunden sein würde. Er hatte ihm erzählt, wie sie sich kennen lernten, verliebten, dann vernünftig waren und sich trennten, schließlich wieder fanden und küssten und den Sturm aufziehen sahen.

Der Käfer erinnerte noch genau den Moment, als der erste kühle Luftzug über die Gräser huschte und in der Ferne die Krähen aufstiegen, um sich zu einer bösartig, zeterten, gefiederten Wolke zusammenzubrauen. Wie er das Zittern der Libelle für Frieren hielt und seine eigenen Worte für Gewissheit. „ Wenn wir uns aneinander festhalten, kann uns der Sturm nichts anhaben!“ Dieser weite Blick in ihren Augen dann, der an den Seinen, die ganz diesen Moment fassten, abzuprallen schien, auf sich selbst zurück geworfen wurde um sich dort in der eigenen Tiefe zu verlieren und schließlich zu erstarren.

Sie erinnerte all die kühle Lustzüge ihrer Vergangenheit. „ Vielleicht werde ich all meine Hände brauchen um durch diesen Sturm zu kommen“ , sagte sie ( mehr zu sich selbst als zu ihm) , und spreizte ihre Flügel. Und der Käfer schaute in die Richtung, von der sie ihm wieder und wieder erzählte hatte, es sei ihre Richtung, denn sie wusste wohin sie wollte und auch wie man dort hingelangt. Jedes Mal hatte er sich gewundert, wie sie von diesem Ort sprach. Als sei sie bereits einmal dort gewesen. Als sei sie den Weg bereits gegangen. Und sie wünschte, es wäre so. Der Himmel drückte nun tiefer und tiefer, während der Krähenschwarm immer mehr mit den Wolken zu verschwimmen schien und aus dem Gewühl nur dann und wann eine Kralle oder ein Schnabel zu erkennen war. „Ich brauche vielleicht nicht alle meine Hände, um durch den Sturm zu kommen“ , sagte der Käfer , „Und wo ich sein möchte, ist vielleicht der gleiche Ort, an dem du sein willst“. „ Was, wenn ich mich an dir festhalte? Wir wechseln uns ab. Immer wenn es einem zu stürmisch wird, der andere“ .

Und als sie ihn sanft küsste und ihre Lippen sich von ihm lösten, war es ihr, als klebten die Reste seines Herzens noch süß und fragend an ihnen und sie wagte nicht zu schlucken.

„Diesen Sturm kenne ich noch nicht, aber ich habe viele andere hinter mir gelassen und nach jedem Sturm bin ich eine andere gewesen, Käfer. Die heutige liebt dich, die morgige kenne ich nicht“, flüsterte sie in die ersten Tropfen. Der Käfer wollte sagen „Ich kenne sie“.Doch manchmal ist Hoffnung eine Lüge. So schwieg er und gab nun ihr einen Kuss. Vielleicht hoffend, einen Teil seines Herzens zurückzubekommen. Vielleicht aus Liebe. Doch er wusste nicht, was Liebe ist. So war es vielleicht einfach nur ein Kuss. Und in einem Ton, der in keinem Fall flehend klingen sollten, sagte er „Wir könnten versuchen, uns festzuhalten. Sollten wir uns verlieren, suchen wir uns später. Aber so einen Sturm übersteht man besser zu zweit“ . „Wir können`s versuchen. Was kann schon passieren?“ .

Die Libelle zählte ihre Hände, als es donnerte. Kein tiefen Grollen aus der Ferne, ein ohrenbetäubender Knall viel mehr, als wenn ein Seilzug reißt und seine Last in die Tiefe stürzen lässt. „Was kann schon

passieren?“, dachte sie, schaute über die regenverhangene Wiese und wusste was sie wollte.

An diesem Punkt der Geschichte war der Junge ganz in sich versunken und die Mauer auf der er saß, war hart. Er sah ein merkwürdiges Lächeln auf dem Gesicht des Käfers, der sich nun ihm zuwandte und fragte „ Was hättest du getan?“ . Und der Junge musste nicht lange überlegen bevor er antwortete.

Mirco Buchwitz

 

 

Wenn einer fortgeht....

Wenn einer fortgeht, gibt man sich die Hände,
am Bahnhof lächelt man so gut es geht.
Wie oft sind unsrer Sehnsucht Aussenstände
mit einem D-Zug schon davongeweht...

Wenn einer fortfährt, steht man zwischen Zügen
und drin sitzt der, um den sich alles dreht.
Mann könnte dieses "alles" anders fügen
durch einen Blick, ein Wort vielleicht.
Zu spät.

Wenn einer fortfährt, geht das Herz auf Reisen
unt treibt sich irgendwo allein herum.
Es ist schon manchmal schwer, nicht zu entgleisen.
Die klügste Art zu reden, bleibt doch: stumm.

Wenn einer fortgeht, kann man nichts vergessen
und jeder Tag ist ein Erinnerungsblatt.
Wenn einer fortgeht, braucht man nichts zu essen,
man wird so leicht vom Tränenschlucken satt.

Wenn einer fort ist, gibt es Ansichtskarten
und ab und zu mal einen dicken Brief.
Ein schweres Verbum ist das Wörtchen "warten"
und "lebe wohl" ein Schluß-Imperativ....

Mascha Kaleko